Foto: Bread Houses Network

Foto: Bread Houses Network

Nadezdha Savova-Grigorova

***Update***: Nadezhda launcht im Dezember das Buch-Spiel „Bäcker ohne Grenzen“ (hier ein Video dazu), das auf ihren Erfahrungen und Erkenntnissen aus der Arbeit und den Brotback-Workshops mit gemischten Gruppen überall auf der Welt beruht. Es geht um gemeinschaftliches Brotbacken und darüber hinaus, um den Prozess des Brotbackens als kreative Methode die eigene Fantasie anzuregen, sich Geschichten auszudenken, die eigene Kreativität zu entfalten und zu lernen, mit den anderen Spielern zu kooperieren. Das Spiel ist ein besonderes Geschenk für Familie und Freunde. Es eignet sich auch für Institutionen wie Kindergärten, Schulen, Gemeinden etc. Mehr Informationen sind auf der Seite des Spiels  thegame.bakerswithoutborders.net zu finden.

In diesem Video wird die Vision und das Engagement der Organisation erklärt.

Zum Teil 1 des Interviews mit Nadezhda geht es hier entlang.

„Wenn Du etwas mit Leidenschaft machst, wirst Du immer einen Weg finden.“ Das sagte Nadezdha zu mir, als wir vor ein paar Wochen zusammen zu Mittag aßen. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich bereits einige Details aus ihrem Werdegang und wusste, dass sie aus eigener Erfahrung spricht.

Nadezhda hat Anthropologie an der Princeton University studiert, wo sie auch promovierte. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Forschungsberaterin für die UNESCO reiste sie um die Welt und begleitete die Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, insbesondere durch die Integration dessen Maßnahmen in das Netz von Gemeinde- und Kulturzentren in den einzelnen Ländern.

Dabei kam sie auf die Idee, ein eigenes Netzwerk für Kulturzentren zu gründen – das International council for cultural centers (I3C). Nadezhda stellte bei ihrer Arbeit fest, dass Essen und insbesondere Brotbacken Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund vereint. Sie hatte die Idee einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen treffen und gemeinsam Brot backen können, um sich gegenseitig über soziale Barrieren hinweg besser kennenzulernen. Dieser Ort entstand dann im umgebauten Haus ihrer Uroma in einer kleinen bulgarischen Stadt. Das war das erste Brothaus, das 2009 seine Türen öffnete. Heute ist die Organisation International council for cultural centers (I3C) ein weltweites Netzwerk, das Kulturzentren in mehr als 40 Ländern miteinander verbindet.

Seit der Eröffnung des ersten Brothauses entwickelte Nadezhda die Methode des gemeinschaftlichen Brotbackens zu einem Gesamtkonzept weiter. Es besteht aus verschiedene Einzeltechniken, die sie und ihre Mitarbeiter in den Brotback-Workshops anwenden. Dieses Konzept steht hinter dem Namen Bread Houses Network, der offiziellen Seite der Brothäuser. Darauf basierend entwickelte Nadezhda ein Spielpaket mit dem Namen „Bäcker ohne Grenzen“, das demnächst auch auf dem deutschen Markt erscheint.

Wie es zur Gründung ihrer Organisation kam, warum Nadezhda sich gegen eine wissenschaftliche Karriere entschieden hat und wie sie gemeinsam mit ihrem Ehemann ihre ersten zwei sozialen Brothaus-Bäckereien in Bulgarien führt, erzählte sie im ersten Teil dieses Interviews.

Nun folgt der zweite Teil, in dem sie mehr über ihre Erfahrungen mit dem gemeinschaftlichen Brotbackens berichtet. Am Ende des Interviews gibt es ein kleines Goodie für Dich als Leser von microbusinesshero;-)

Los geht’s:

Inzwischen gibt es 7 Brothäuser in Bulgarien. Das Konzept des Brothauses wurde bereits in 18 Ländern aufgegriffen. Wie erfahren Interessenten über Deine Idee und warum ist dieses Konzept universell und weltweit anwendbar?

Ich bekomme fast täglich E-Mails von Menschen aus allen Ecken der Welt, es gibt kontinuierlich neue Interessenten. Sie finden uns in der Regel über Google, wenn sie nach einem Mix aus den Begriffen „bread“, „therapy“, „social change“, „social enterprise“ suchen. Dank unserer innovativen Methoden für Brotbacken bekommen wir in dieser Kategorie ein gutes Ranking bei Google. Man findet uns über unsere Internetseite www.bakerswithoutborders.net und aktuell bauen wir die Seite www.bakerieswithoutborder.net auf, die weltweit als Netzwerkplattform für soziale Bäckereien dienen soll (wir sind gern bereit, solche Bäckereien zu unterstützen, die Interesse an dem Programm für Community Baking oder an der Brottherapie haben).

Das Konzept des Brothauses wird von unseren Partnern aus anderen Ländern bislang im Rahmen ihrer sozialen Arbeit an Kulturzentren umgesetzt. Es handelt sich nicht um Bäckerbetriebe. Jedoch wurden bereits einige Interessenten aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien in unseren Methoden und zu Brothaus-Bäckern ausgebildet und wir verfolgen mit großem Interesse, wie sie nun in ihren Herkunftsländern jeweils eine Brothaus-Bäckerei eröffnen. Im Rahmen dieses Social Franchise Modells werden die neu eröffneten Brothäuser 10 % ihres Jahresnettogewinns als Mitgliedsbeitrag an die Mutterorganisation abführen. Dafür übernehmen wir als Dachorganisation das weltweite Marketing und stellen stets unsere neusten Arbeitsmethoden zur Verfügung.

Derzeit gibt es zwei Brothäuser außerhalb Bulgariens – ein mobiles Brothaus in den USA und eines in Tadschikistan, direkt an der Grenze zu Afghanistan, wo verschiedene Religionen aufeinander treffen. Bekanntlich herrscht in dieser Gegend nicht immer Frieden. Die Brothausinitiatoren in Tadschikistan erfuhren über das Brothauskonzept von einer Freiwilligen aus Bulgarien und beschlossen selbst ein Brothaus zu errichten – als Symbol für Frieden und Einheit. In diesem Brothaus sollten Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen kommen und gemäß ihren unterschiedlichen Traditionen gemeinsam Brot backen. So wollten sie die Kultur des jeweils Anderen besser kennenlernen und einen Weg der Annäherung finden.

Das Brothaus in den USA ist mobil auf Rädern und wurde mithilfe von Princeton-Studenten gebaut. Die Route des mobilen Brothauses führt durch die  die ärmeren Gegenden von New Jersey und New York. Die soziale Mission der Brothausbetreiber in diesem Fall besteht darin, Menschen über gesunde Ernährung aufzuklären. Viele Kinder aus diesen Gegenden sind von Krankheiten betroffen, die auf ihre ungesunden Essensgewohnheiten zurückzuführen sind, z. B. Diabetes.

Welche Erfahrungen hast Du in den verschiedenen Brotback-Workshops gemacht, die Du selbst geführt hast?

All meine Erfahrungen und Erkenntnisse aus meinen Reisen in 77 Länder, den Begegnungen mit anderen Menschen und Kulturen sowie die Ergebnisse meiner Arbeit habe ich im Spielpaket „Bäcker ohne Grenzen“, das ich selbst entwickelt habe, beschrieben.

Es ist bemerkenswert zu beobachten, wie bei unseren gemeinschaftlichen Brotbackveranstaltungen Menschen, die im Alltag keine Berührungspunkte haben, geschweige denn sich kennen lernen würden, an einen Tisch zusammen kommen und dank unserer Methoden (Krümeltheater, Küchenmusik usw.) einander näher rücken.

Wir bringen zum Beispiel die Bewohner verschiedener sozialer Einrichtungen und sozial schwache Menschen zusammen, die sich sonst selten was gönnen und nicht über die finanziellen Mittel verfügen, andere Kulturangebote in Anspruch zu nehmen. Wir geben ihnen unentgeltlich die Möglichkeit mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben. Menschen mit Down-Syndrom, Kinder mit Autismus, Roma, Arme, Reiche, Bulgaren, Ausländer, Junge und Alte – alle fühlen sich durch das gemeinschaftliche Brotbacken inspiriert und haben Freude daran. So erfahren die Teilnehmer, dass es gar nicht so schwer ist, eine Gemeinschaft zu bilden und Vorurteile abzulegen. Wenn die Barrieren im Kopf fallen, fangen die Menschen an, uns häufiger zu besuchen, sie knüpfen Freundschaften und helfen sich gegenseitig. Zum Beispiel hat ein Obdachloser über unsere Organisation eine Wohnung gefunden und hat es schließlich geschafft, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Er führt jetzt ein glückliches Leben in seiner Gemeinschaft.

Ein anderes Beispiel ist die Geschichte eines Jungen aus Gabrovo, der eine Entwicklungsstörung hatte. Sein Traum war es, Basketballspieler zu werden. Doch die Gleichaltrigen wollten nicht mit ihm spielen. Bei einer unserer Veranstaltungen lernte er die Trainerin einer der besten Jugendmannschaften der Stadt kennen. Als sie von seinem Traum erfuhr, bot sie ihm an, sich ihrer Mannschaft anzuschließen. Er konnte sich schnell und gut in das Team integrieren.

In Weliko Tarnowo haben wir wiederum die  Initiative „Friedensbäckerei“ mithilfe der hiesigen Bundeswehruniversität gestartet. Die Studenten backten Brot gemeinsam mit Menschen aus einem Altersheim und Kindern aus einem Waisenhaus. Das Motto des Programms war „make bread, not war“ und im Mittelpunkt stand das Thema über das Brot als Friedenssymbol. Ein Mädchen aus dem Waisenhaus wollte daraufhin ebenfalls an der Bundeswehruniversität studieren, da es schon immer eine Vorliebe für Sport hatte und sich für die Bundeswehr interessierte, doch es gab keinen, der sie in diese Richtung lenken konnte.

BULGARIA

Foto: Bread Houses Network

Zu welchen Erkenntnissen über  Social Business und das Leben allgemein bist Du in den letzten sechs Jahren gelangt?

Wie schon weiter oben erwähnt, habe ich meine Erfahrungen in das Spielpaket „Bäcker ohne Grenzen integriert. Man erfährt alles beim Spielen. 😉 Wenn ich meine Erkenntnisse in nur wenigen Worten zusammenfassen soll, würde ich sagen, dass die wichtigste Tugend die Demut ist. Auch wenn man von seinen Erfolgen berichtet, von Anderen als erfolgreich angesehen wird und von der Einzigartigkeit des eigenen Tuns überzeugt ist, sollte man im Herzen bescheiden bleiben und stets im Hinterkopf behalten, dass es viele Menschen gibt, die einen auf dem Weg zum Erfolg begleitet haben. Man sollte dankbar sein für die Begegnungen und Erfahrungen in seinem Leben, die einen direkt oder indirekt geprägt haben. Letztlich geschieht nichts ohne Grund. Es gibt eine höhere Macht und wir sind nicht die wahren Schöpfer.

Was würdest Du anderen empfehlen, die ebenfalls ein eigenes (Social-)Business aus Leidenschaft starten möchten, das auf ihren Interessen und Talenten beruht?

Ich würde jedem empfehlen, dass er bzw. sie die Antwort auf die Frage „Was würde ich am liebsten tun?“ im Herzen sucht. Es geht darum herauszufinden, wie man dazu beitragen kann, die Dinge zu verbessern bzw. wie man behilflich sein kann. Wenn man sich dann im Klaren darüber ist, in welche Richtung es gehen soll, wird sich das Business Modell im Laufe der Zeit von selbst ergeben. Am einfachsten erkennt man es durch die Interaktion mit den Menschen, denen man helfen möchte. Dabei ist es wichtig, wie schon oben erwähnt, stets demütig zu handeln und nicht überheblich zu sein.

Herzlichen Dank, Nadezhda!

Wenn Du nach einem besonderen Geschenk suchst, empfehle ich Dir das Spiel „Bäcker ohne Grenzen“ von Nadezhda. Ich kenne den Inhalt und bin beeindruckt wie Nadezhda ihre komplexen Erfahrungen in einem Spielekonzept umsetzt. Den Spielern wird die Möglichkeit geboten, nicht nur den Prozess des Brotbackens in einer neuen Perspektive zu erfahren, sondern auch ihre Kreativität zu entfalten. Das Spiel inspiriert dazu, über die wahren Werte im Leben nachzudenken und für das Gute zu kämpfen – für sich und für die Gemeinschaft.  

Die Spielseite ist jetzt verfügbar thegame.bakerswithoutborders.net 

Viel Spaß beim Spielen und Brotbacken.:-)