Foto: Bread Houses Network

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Nadezdha Savova-Grigorova

 

Du kennst das auch. Manchmal triffst Du Menschen, die einen großen Eindruck auf Dich machen. Je näher Du sie kennenlernst, umso mehr Details erfährst Du aus ihrem Leben, die Dich einfach von Hocker hauen. Diese Begegnungen sind so überwältigend, dass Du manchmal eine Weile brauchst, um sie zu verarbeiten. Du denkst lange über die Gespräche nach, die Worte dieser besonderen Persönlichkeiten brennen sich in Deinem Gedächtnis ein und lassen Dich lange nicht los. Du bist fasziniert von dem Weg, den diese Menschen gegangen sind, von den Erfahrungen, die sie gemacht haben. Das, was diese Persönlichkeiten schaffen, löst in Dir selbst einen Drang zur kompromisslosen Verfolgung Deiner Ziele und Visionen aus. Nachdem Du die gewonnenen Eindrücke verarbeitet hast, denkst Du – es gibt doch Hoffnung für diese Welt.

So ging es mir, als ich Nadezhda und ihren Ehemann Stefan kennenlernte. Beide haben letztes Jahr ein Sozialunternehmen in der Form einer Bäckerei gegründet. Doch die Geschichte beginnt bereits 2008, als Nadezhda die Organisation „International council for cultural ceners“ schuf, die mittlerweile Mitglieder aus über 40 Ländern zählt. Ziel der Vereinigung ist es, Kulturzentren weltweit zu verbinden, verschiedene Praktiken zum Erhalt der kulturellen Traditionen zu fördern und so zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beizutragen. Nadezhda kam auf die Idee für die Organisation während ihrer Forschungstätigkeit im Rahmen ihrer Doktorarbeit in Anthropologie an der Princeton University. Damals wurde sie von der UNESCO beauftragt, die Umsetzung der Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes weltweit zu begleiten.

2009 entstand dann auch die Idee für die Bread Houses (Brothäuser) – Orte, an denen Menschen mit  unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen durch das gemeinsame Brotbacken über gesellschaftliche Barrieren hinweg vereint werden.

Im ersten Teil des Interviews erzählt Nadezhda über die Anfänge der Organisation, das Konzept des Sozialunternehmens und über die Hindernisse, die sie auf ihrem Weg überwinden musste. Eine wahrhaft inspirierende Geschichte, die sich über den Kontext des Social Businesses hinaus auch auf unser tägliches Tun übertragen lässt.

Nadezhda, wie kam es zu der Eröffnung des ersten Brothauses und zur Gründung der Organisation „Internationaler Rat für Kulturzentren“ (International council for cultural ceners)?

Zunächst entstand die Organisation „International council for cultural centers (I3C)“ (Internationaler Rat für Kulturzentren) und später die Idee für die Brothäuser. Im Rahmen meiner Doktorarbeit an der Princeton University erforschte ich die Frage, wie die Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes durch Integration der Maßnahmen in das Netz von Gemeinde- und Kulturzentren in der Praxis erfolgen kann.  2008 arbeitete ich vier Monate lang als UNESCO-Forschungsberaterin für die Umsetzung der Konvention in verschiedenen Ländern. Zu dieser Zeit beschloss ich selbst ein internationales Netzwerk für Kulturzentren zu gründen, da ich einen großen Bedarf sah und es mir sehr sinnvoll erschien. Das war im Winter 2008. Der Organisation „Internationaler Rat für Kulturzentren“ sind inzwischen mehr als 40 Länder beigetreten, die ein eigenes Netzwerk von Kulturzentren haben. Im Herbst 2014 trafen sich internationale Vertreter dieser Netzwerke beim ersten „World Summit of Community Cultural Centers and Networks“ in der Stadt Weliko Tarnovo in Bulgarien (www.worldsummit.international3c.org). Man könnte sagen, wir haben eines der größten Netzwerke der Welt geschaffen, das fast wie eine Art „Basisnetzes“ gesehen werden kann – viele der Kulturzentren befinden sich in den ärmsten Vierteln, z. B. in Favelas, und kämpfen um die Erhaltung der einheimischen Kunst.

Im Rahmen meiner Forschungsarbeit organisierte ich dann gemeinschaftliche Brotback-Events als eine kreative Art unterschiedliche Menschen zusammenzuführen. Ich besuchte weltweit verschiedene Organisationen vor Ort, bat ihnen die Durchführung von Brotback-Workshops an und übergab ihnen später die Verantwortung zur Weiterentwicklung dieser Idee. Ich stellte fest, dass das Brotbacken eine wertvolle Tradition darstellt, die das Potenzial hat Menschen zu vereinen. Jedoch hatte ich noch nirgendwo auf der Welt ein Kulturzentrum gesehen, auch keine Bäckereien, wo sich Menschen mit unterschiedlichem Background zum Brotbacken trafen. Daher beschloss ich etwas Neues zu erschaffen, was für die Menschen von Nutzen sein kein. So kam es 2009 zur Eröffnung des ersten Brothauses in Gabrovo (Bulgarien) – zusammen mit ein paar freiwilligen Helfern renovierten und bauten wir das Haus meiner Uroma zum ersten Brothaus um. Jetzt, im Jahr 2015, gibt es bereits sieben Brothäuser in Bulgarien, zwei davon agieren als soziale Bäckerei-Unternehmen. Weltweit werden in 18 Ländern Privatpersonen und Organisationen in unseren Methoden geschult, die wiederum eigenständig unser Programm weiterentwickeln.

Wie finanziert sich die Organisation?

Wir werden seit 2012 durch die Stiftung Charles Stewart Mott (USA) gefördert. Bis 2016 ist sie unser Hauptsponsor. Zusätzlich gewannen wir einige kleinere lokale Projekte in Bulgarien und agierten als Partnern in EU-Projekten. Doch unser Ziel ist es, dass sich zumindest die Brothäuser aus der Tätigkeit der Sozialunternehmen und durch den Verkauf von Produkten selbst finanzieren. Für das globale Netzwerk und für andere soziale Engagements werden wir neue Projekte suchen.

Wie genau funktioniert das Konzept des Sozialunternehmens (Social Enterprise), das zwei der Brothäuser zugrunde liegt?

In 2014 habe ich gemeinsam mit meinem Ehemann die Firma „NadEzhko“ gegründet und das erste Brothaus auf Basis des Konzepts eines sozialen Unternehmens eröffnet. Unter der Marke „NadEzhko“ habe ich vor Kurzem auch das Spiel „Bäcker ohne Grenzen“ (Bakers without Borders) für alle Altersgruppen und Menschen mit Behinderungen entwickelt. Die Bezeichnung „NadEzhko“ ist ein Wortspiel. „Nadezhda“ heißt Hoffnung. Auf Bulgarisch ist Ezhko wiederum eine Abkürzung für „Igel“ – Nadezhko ist also ein Igel, der lernt, seine Stacheln nicht gegen die Menschen einzusetzen, egal aus welcher sozialen Schicht sie kommen.

Auf Englisch funktioniert das Wortspiel mit „HedgeHope“ auch ganz gut (Igel ist auf Englisch „hedgehog“). Die Idee ist also, dass wir durch Hoffnung alle Hindernisse überwinden können – to hop with hope over the hedge – wir möchten etwas bieten, was der Menschheit tatsächlich hilft, noch eher als ein Hedgefond. So werden wir unseren Partnern unter diesem Namen verschiedene Business-Pakete und Franchise-Modelle  anbieten.

Das Bäckerei-Konzept beruht auf drei sozialen Säulen.

Die erste ist, dass Menschen aus benachteiligten Gruppen als Mitarbeiter eingestellt werden (wir beschäftigen bereits drei Jugendliche aus einem Waisenhaus, die von klein auf an den ersten Workshops in unserem ersten Brothaus in Gabrovo teilnahmen). Sie werden im Handwerk des Bäckers ausgebildet – sie lernen selbst „ihre Brötchen zu verdienen“. Wir bringen ihnen außerdem soziale Kompetenzen bei, z. B. durch die Übernahme der Leitung der gemeinschaftlichen Brotbackveranstaltungen, wenn Menschen aus unterschiedlichen Einrichtungen gemeinsam Brot backen.

Das zweite soziale Element des Konzepts ist das Produkt selbst, das wir herstellen. Das Brot aus selbst gemachtem Sauerteig ist gesünder und qualitativ hochwertiger als das gewöhnliche Brot aus Hefe. Ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen haben zum Beispiel gesundheitliche Probleme und sollen nur ausgewählte Produkte und Brot aus Sauerteig konsumieren. Für solche Gruppen ist das Brot bei uns günstiger, damit sie es sich leisten können. Die anderen Kunden bezahlen den üblichen Marktpreis. Unsere Mission ist es, die Tradition dieser Brotbackmethode zu bewahren, da sie in Bulgarien, aber auch weltweit immer seltener angewendet wird.

Die dritte soziale Säule ist die Bäckerei selbst als ein Ort für die soziale Gemeinschaftsbildung. Wir veranstalten wöchentlich kostenlose Brotbackveranstaltungen, die für jeden zugänglich sind, insbesondere für benachteiligte Menschengruppen. Unser Motto ist: „Wir mischen, um uns untereinander zu mischen“. Dabei entstehen Freundschaften unter Menschen, die sich sonst nicht begegnet wären, da alle aus unterschiedlichen Einrichtungen kommen. Und die arbeitende Bevölkerung steckt oft im Hamsterrad des Alltags. So knüpfen Menschen Kontakte, helfen einander und gründen gemeinsam weitere soziale Initiativen.

Wir bieten darüber hinaus zwei kostenpflichtige Veranstaltungskonzepte an, die uns helfen, die Brothäuser zu finanzieren.

Zum Einen führen wir Teambildungsevents für Unternehmen durch. Sie haben das Motto „Brot-Building“ (Bread Building). Der Prozess des Brotbackens symbolisiert dabei den gelungenen Prozess der Teambildung in einem Unternehmen. Das englische Wort „Company“ für „Unternehmen“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „Brot teilen“ (Com Panis). Wir machen Rollenspiele, arbeiten mit vielen Metaphern und das ganze Brot-Building-Event dauert ca. vier bis fünf Stunden. Die Mitarbeiter der Unternehmen, die bereits unsere Workshops in Anspruch haben, sagen, dass die Events zu den besten Teambildungsveranstaltungenen gehören, die sie jemals mitgemacht haben.

Zum Anderen arbeiten wir gerade an der Entwicklung eines zweiten Finanzstroms. Wir möchten ab März nächsten Jahres Workshops anbieten, die unter dem Motto „Brot im Dunkeln“ in einem verdunkelten Raum stattfinden. Die Idee dabei ist, dass sehende und sehbehinderte Menschen zusammen an einem Tisch im Dunkeln den Teig vorbereiten und gemeinsam Brot backen. Zur Zeit bilden wir sehbehinderte Menschen aus, die diese Veranstaltungen leiten werden. Die Einnahmen aus den Workshops werden direkt an die Menschen mit Sehbehinderungen ausgezahlt. Bei der Entwicklung dieser neuen innovativen Methode kooperieren wir mit der Organisation „Dialog im Dunkeln“ und orientieren uns an ihrer Initiative „Dinner in the Dark“, im Rahmen derer sehbehinderte Menschen als Kellner in verdunkelten Restaurants arbeiten. Unsere Brotbackmethode wird mithilfe ihres internationalen Netzwerks verbreitet und wir gehen davon aus, dass sie dann in mindestens 30 bis 40 Ländern praktiziert wird. Wir hoffen, dass wir die Veranstaltung „Brot im Dunkeln“ eines Tages mindestens zweimal im Monat in jedem unserer Brothäuser anbieten können.

Foto: Bread Houses Network

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Welche Erfahrung und welche Fähigkeiten sind hilfreich, wenn man eine soziale Organisation bzw. ein Sozialunternehmen leitet?

Vor allem die Liebe für das, was man tut. Daraus entsteht dann die Kreativität und sie ist der Schlüssel zur Innovation. Sie treibt uns an, ständig neue Lösungen zu erfinden und innovative Businessmodelle auszuprobieren.

Welchen Herausforderungen musstest Du Dich in der Gründungsphase Deiner Organisation stellen?

Die Tatsache, dass ich eine ganze Menge Arbeit hatte, für die ich kein Geld bekam und die nur ich selbst erledigen konnte – ich entwickelte selbst die Methode des gemeinschaftlichen Brotbackens, organisierte die Workshops, suchte nach Finanzierungsmöglichkeiten für das erste Brothaus, später investierte ich Zeit in der Suche nach den ersten Sponsoren, damit ich weitere Mitarbeiter einstellen konnte. Als ich aus meinem Hobby eine Vollzeitbeschäftigung machte, musste ich auch für mein Gehalt aufkommen. Das gelang mir erst nach drei Jahren, da es am schwersten war, das erste große Projekt zu gewinnen. Ich musste eine Organisation finden, die an meine Idee glaubte. Das ist schwierig, insbesondere wenn man etwas Neues und Innovatives macht.

Vor Kurzem habe ich das Buch-Spiel „Bäcker ohne Grenzen“ fertiggestellt. Darin beschreibe ich die Idee von den Brothäusern und gleichzeitig gebe ich eine Anleitung wie die Brotback-Workshops mit gemischten Gruppen durchgeführt werden können.

Du hast einen Doktor in Anthropologie. Warum hast Du beschlossen, nach Deinem Abschluss Dich den Brothäusern und Deiner Organisation zu widmen statt Dir einen Job zu suchen?

Ich habe diese Entscheidung getroffen, denn es ist wunderbar, jeden Tag etwas zu tun, was Menschen glücklich macht. Das ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Ich hätte eine sichere Anstellung als Professorin annehmen oder in einem Unternehmen arbeiten können. Doch ich lernte mit wenig auszukommen, ich gebe kaum Geld aus, gehe nicht in großen Shopping Malls einkaufen und gebe mich lange mit demselben Paar Schuhe zufrieden. Dafür bin ich immer gut gelaunt, inspiriert und gehe mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Welt. :-)

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Foto: Bread Houses Network

 

Im zweiten Teil des Interviews erfährst Du mehr über das Spiel „Bäcker ohne Grenzen“, das Nadezhda entwickelt hat, die Lektionen über das Leben, die sie durch ihre Tätigkeit gelernt hat und ihre Tipps für jeden, der ein (Social) Business starten möchte. Dazu mehr nächste Woche hier auf dem Blog.