Es ist Sonntag 18.00Uhr. Ich habe es mir auf der Couch gemütlich gemacht. Ein paar Süßigkeiten, die ich vom Kinoabend gestern retten konnte, liegen auf dem Tisch. Ich zappe mich durch die Kanäle, denn auf RTL kommt gerade Werbung. Meine Klatschsendung wird leider dauernd dadurch unterbrochen. Na ja – es gibt ja auch noch VOX und SAT1. Ich werde schon noch irgendwo hängen bleiben. Hauptsache ich kann mich ablenken. Denn heute Abend ist das Wochenende vorbei. Morgen geht es wieder auf Arbeit.

Dabei war es doch gerade erst Freitagabend. Ein angenehmes Gefühl, sich nach einer anstrengenden Woche zurücklehnen zu können und sich auf das Wochenende zu freuen. Freitagabend fühle ich mich am besten – angenehm erschöpt und zufrieden, dass ich wieder so viel in dieser Woche geleistet habe. Die letzten ToDos sind von der Liste gestrichen. Das eine Telefonat wurde noch geführt, und die letzten offenen Punkte sind geklärt. Alle sind glücklich.

Samstagvormittag bin ich voller Tatendrang (mir stehen zwei freie Tage bevor). Der Putzplan drängt sich in meinen Kopf – ja, es wird erst mal  geputzt. Das muss auch mal am Wochenende sein. In der Woche bleibt ja keine Zeit dafür. Ok, jetzt Mittag essen, danach lege ich mich ein bisschen hin – das habe ich mir schließlich verdient. Abends könnte ich ja mit Freunden ausgehen, oder auch nicht – die Couch ruft.

Sonntag früh wandelt sich das Gefühl – nicht schon wieder Sonntag. Was mache ich heute am besten zuerst? Sport? Telefonieren? Spazierengehen? Steuererklärung? Teilzeitstudium? Puh, es gibt zu viele Möglichkeiten – es gibt jedenfalls genug zu tun. Und wenn wir Kinder hätten? Wie sollen wir (soll ich) dann alles schaffen?

Die Zeit wird eingeteilt – zwei Stunden werden verschwendet, um in die Gänge zu kommen, zwei Stunden Kochen und Essen, zwei Stunden was für die Uni machen, oh nein, schon wieder zwei Stunden am Telefon (oder im Skype) verbracht. Jetzt ist es Sonntagnachmittag. Nun soll bloß nichts Ungeplantes, gar Spontanes dazwischen kommen. Da habe ich überhaupt keine Lust drauf. Ich habe die Wahl – joggen gehen oder fernsehen, joggen oder fernsehen, joggen oder fernsehen. Joggen ist anstrengend, dafür muss ich raus. Ach nöö – lieber gemütlich fernsehen. Denn schließlich muss ich morgen wieder arbeiten. Ich muss mich jetzt maximal erholen…

Sonntagabends ist alles so endgültig – irgendwie deprimierend. Kaum Autos und Leute auf den Straßen. Es ist still auf dem Parkplatz vorm Haus, auch die Ampel ist aus. Sogar die Sonne scheint anders – so melancholisch. Ich schnappe noch die letzten Sonnenstrahlen auf und versuche meine Gedanken von der Arbeit abzulenken. Sie drängen sich nämlich schon wieder in mein Bewusstsein – nur noch ein paar Stunden, dann geht es wieder los.

Von meinem heutigen Standpunkt aus klingt diese Story absurd. Vor etwas mehr als einem halben Jahr habe ich den Job gekündigt, der meine Energie so sehr raubte, dass ich Sonntagabends nur noch die Kraft und Motivation zum Fernsehen aufbringen konnte. Und dennoch habe ich noch Vertändnis für mein damaliges Ich und alle anderen, denen es genauso geht. Es ist schrecklich immer fremd gesteuert zu sein. Also versucht man in der Freizeit die Illusion aufrechtzuerhalten, dass man durch Ablenkung Erholung erreicht. Bloß nicht daran denken, dass man die nächsten fünf Tage wieder mit der gleichen Bahn, mit den gleichen Leuten, in das gleiche Büro fährt, um acht Stunden und mehr zu arbeiten und sich immer wieder mit den gleichen Themen zu beschäftigen.

Aber ist das denn so Schlimm? Für mich – ja. Ich kann nicht sagen, warum. Es könnte daran liegen, dass die Arbeit einen so großen Stellenwert in meinem Leben hat. Aber auch daran, dass ich noch keine Kinder habe, die mir aufzeigen, dass Prioritäten anders liegen. Ich nehme mir vieles  persönlich an und kann schlecht mein Berufs-Bild von meinem persönlichen Ich trennen. Ist es das? Oder ist es mein Ehrgeiz, der mir im Wege steht und dazu führt, dass ich schlecht mit Misserfolgen umgehen kann. Könnte es auch eine Rolle spielen, dass ich gern alles unter Kontrolle habe, und auf Arbeit nun mal nicht alle Umstände kontrollierbar sind? Vielleicht sind aber auch meine großen Erwartungen an meinem „Unglück“ schuld. Oder war es schlichtweg der falsche Job für mich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich etwas ändern musste.

Ist die Selbständigkeit dann was für mich? Es kann sein, dass ich dann sonntags immer arbeiten muss. Die finanzielle Unsicherheit, die alleinige Verantwortung, die Verpflichtungen gegenüber dem Staat und der eigenen Vorsorge – all das steht jetzt im Raum. Neben den eigenen Projekten. Schaffe ich das? Das wird die Zukunft zeigen. Glaube ich, dass ich das schaffen kann? Ich denke schon.

Kommt irgendwann der Zeitpunkt, wenn ich mich wieder nach meiner Festanstellung sehne und mir Vorwürfe mache, warum ich sie aufgegeben habe? Vermisse ich dann den geregelten Ablauf und die festgelegten Inhalte, wünsche ich mir die Routine zurück? Ziehe ich irgendwann wieder in Betracht für jemand anderen zu arbeiten?

Das wird die Zukunft zeigen. Immerhin habe ich eine 50/50-Chance. Ist doch eine gute Ausgangsposition, um es zu versuchen.

Und übrigens: ich gehe jetzt Sonntagnachmittags joggen, ohne großartig darüber nachzudenken.

 

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